Christian Haimel - klassische Gitarre

Main-Echo
Jahrgang 2008/Nr.30
Dienstag, 05 Februar 2008

Mit einem inneren Lächeln

Gitarrist Christian Haimel bringt in der Aschaffenburger Musikschule das Publikum zum Träumen

ASCHAFFENBURG. Klassische Gitarre:
Wem dieses Spektrum bislang recht eng vorkam, hat den Österreicher Christian Haimel noch nicht gehört. Nicht einmal ansatzweise entfernte sich der 27-Jährige am Sonntagabend in der Aschaffenburger Musikschule aus dem Rahmen des streng klassischen Spiels und eröffnete doch Welten, die mit Bach begannen und bei der 1968 komponierten >>Hommage an Apollo 8<< des Tschechen Jan Truhlár längst nicht aufhörten.
Vor allem die Gitarristen unter den Zuhörern verfolgten gebannt die nonchalante Leichtigkeit, mit der der Absolvent der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz höchst technische Präzision darbot. Als spiele er immer mit einem inneren Lächeln, setzte er an zu Bachs Ciacconna aus der Partita II, die eigentlich für Violine komponiert ist. Sie ist ein Stück, das Musikgeschichte geschrieben hat und schon als >>Triumph des Geistes über die Materie<< gefeiert wurde. Peter Hoeg verwendete sie als Leitmotiv in seinem Roman >>Das stille Mädchen<<. Haimels interpretatorischer Ansatz war so ehrlich und rein, dass die Schönheit des Stücks weniger in den Emotionen, das es im Zuhörer weckt, zum Tragen kam, sondern in der fein herausgearbeiteten großartigen mehrstimmigen Architektur der Komposition. Weich fließende Melodie ohne Unterbrechung unterstrich den Liedcharakter des Stücks zu Beginn. Das berühmt gewordenen kühne Thema, das Bach über den Bass gesetzt hat, wurde von dem jungen Österreicher nie dramatisch übersteigert und wirkte so noch ergreifender.
Auch vom Rossini - Rausch, der Mode war, als der Gitarrenvirtuose Mauro Giuliani um 1820 seine >>Rossiniane<< komponierte, ließ sich Haimel nicht die Technik vernebeln, als er das erste Stück aus dem Zyklus spielte: klar, durchsichtig, ohne Effekthascherei, doch mit atemberaubendem Tempo.
Die 1929 entstandene >>Sonata Romantica<< des Mexikaners Manuel Maria Ponce ist eine Hommage an Franz Schubert. Entsprechend zart, manchmal gar introvertiert bot Haimel sie dar. Im ersten Satz, dem >>Allegro moderato<<, spürte er den verträumten Melodien nach, hielt für Sekundenbruchteile lang inne im Spiel, um es dann umso tiefer auszukosten. Wunderschöne Echos zauberte er im anschließenden >>Andante Espressivo<<. Eher verspielt als schnell - obwohl es das in der Tat war - wirkte das >>Allegretto vivo<<. Im Schlußsatz zeigte sich, wie sensibel der Interpret Spannung aufbaut und sie, vielleicht noch etwas zu diszipliniert, auflöst.
Oder lag das nur am Komponisten? Mit Jan Truhlárs Zweiter Sonata op.31, >>Hommage à Apollo 8<< (mit den Sätzen für Frank Bormann, James Lowell und William Anders) entfachte Haimel einen Sturm der Virtuosität. Das in aufpeitschender, schroffer Zwölftonmusik komponierte Werk durfte in der damaligen Tschechoslowakei nicht aufgeführt werden - wegen des offenen Bekenntnisses des Komponisten zur Demokratie.
Haimel erzählte, er habe das Stück vor einigen Jahren uraufgeführt, und entlockte dann seinem Instrument all die gegen den Strich gebürsteten Klänge: Klopfen, Trommeln, glitzerndes Flirren, den Rhythmus der Maschinen, ihr Aufstöhnen und die fremden Laute des Weltalls.
Wer über eine so brillante Spieltechnik verfügt wie Haimel, kommt nicht ohne Zugabe nach Hause. In Aschaffenburg waren es drei sehr ausführliche Nachschläge, die der sympathische Musiker bestens gelaunt servierte, womöglich um auf seine heimliche Liebe aufmerksam zu machen: die spanische Gitarre. Von Augustin Barrios Mangore >>Un sueno en la floresta<<, von Izaac Albeníz die >>Sevilla<< und von William Walton >>Alla Cubana<< aus den fünf Bagatellen.
Ein Traum.



Melanie Pollinger

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